Die Kabarettistin ist mit ihrem zweiten Soloprogramm in der Ostschweiz. Es ist super. Sie werden hier nichts Negatives lesen. Ah doch, etwas vielleicht: Die Aufführung war in Weinfelden.

Dieser Beitrag erschien auf Thurgaukultur.ch

Eigentlich war die Autorin verärgert, weil Hazel Brugger keine Interviews gibt. Also niemandem. Nein gar nicht. Also gar keinem Medium. Nein, wirklich nicht. Es tut mir leid, da kann man wirklich nichts machen. Sagt die Frau von der Agentur. Sehr schade. Weil ich hätte sehr viele Fragen gehabt. Zum Beispiel, was Hazel Brugger von Brot hält. Oder wie sie zu Menstruationstassen steht. Oder was sie am liebsten für Schnaps trinkt. Oder eigentlich alles, weil ich denke, man kann Hazel Brugger alles fragen und sie hätte eine gute Antwort. Und ausserdem hätte ich dann sagen können, ich hätte mal ein Interview mit Hazel Brugger gemacht, denn ich bin ein grosser Fan.

Sie sehen, das Setting war schwierig. Aber Hazel Brugger hat es geschafft, dass ich sie nach der Show wieder gerne mag. Obwohl sie kein Interview gegeben hat. Also beginnen wir mit der Besprechung.

Zuerst kommt Thomas Spitzer. Hazel Brugger hat ihn aus Köln mitgebracht: Er ist ihr Mitbewohner, mit ihm hat sie die Youtube Serie «Deutschland was geht» gemacht. Spitzer ist selbst Comedian und tritt als Opening Act auf. Keine einfache Aufgabe: «Ihr habt alle sehr viel Geld bezahlt um mich nicht zu sehen». Stimmt, Ticket kostet 60 Franken. Aber dann erzählt er von seinem sehr kleinen Heimatdorf, irgendwo in Deutschland. Und weil es da so wenig Leute gibt, heiratet man die eigene Tante, die gleichzeitig auch die Schwester ist. Sympathie hergestellt, mit sowas hat man das Weinfelder Publikum.

Witze über Käuze und Stripperinnen

Und dann kommt Hazel Brugger und sie ist super. In der ersten Hälfte des Programms vielleicht noch etwas zahm. Sie erzählt von den Schwierigkeiten die man hat, wenn man in seinem Wohnzimmer eine Late-Night-Web-Show produzieren will. Weil für sowas braucht man einen Gast. Es muss ein cooler Gast sein. Aber coole Gäste, wie zum Beispiel Barbara Schöneberger, kommen halt nicht für lau in ein Wohnzimmer. Also muss man ein Filmtier buchen. Hazel Brugger will eine Gans als Gast. Aber im Showbusiness gibt’s die alte Regel, keine Gänse am Set, weil die fucken alles ab. Jedenfalls bucht sie einen Kauz und macht Witze übe Käuze und Stripperinnen und es ist ziemlich lustig.

Es folgt ein ganzer Block über den Besuch beim Gynäkologen. Diesen Teil des Programms kann man gut finden, oder man fühlt sich unangenehm an einen längst überfälligen Termin erinnert. Jedenfalls muss man es anerkennen, dass rund 600 Menschen Geld zahlen um sich eine Viertelstunde mit dem gynäkologischen Routineuntersuch zu befassen. Eine solide Leistung.

Männliche Kollegen reden übers Wichsen, Brugger über Gynäkologie

Denn obwohl wir in einer Zeit Leben, in der der Feminismus wieder erstarkte, ist der weibliche Körper noch immer mit vielen Tabus verbunden. Im Interview mit der deutschen Wochenzeitung «Die Zeit», ja, damals gab sie noch Interviews, sagte Brugger, jeder männliche Comedian, der in Deutschland unterwegs ist, hätte mindestens 20 Minuten übers Wichsen im Programm. Fast schon ein revolutionärer Akt, wenn man einen ganzen Saal unterhält mit Schwänken vom Gynäkologen. Und das erst noch in Weinfelden.

Und dann ist Pause und es kommt eben doch noch ein Dialektwitz und das funktioniert einfach immer. Und dann kommt noch was, was immer geht: Vergleiche zwischen Deutschland und der Schweiz. Mit Witzen über die Deutsche Autobahn hat Hazel Brugger das Publikum im Sack. Die Leute lachen laut, einige machen Grunzgeräusche, manche wischen sich eine Träne aus dem Auge.

An dieser Stelle lohnt es sich, die Zuschauerinnen und Zuschauer genauer zu betrachten. Das Publikum ist im Schnitt etwa 45 Jahre alt, verheiratet und hat ein Einfamilienhaus in Felben-Wellhausen oder so, jedenfalls an einem Ort, an dem man eigentlich nicht sein will. Ein ziemlicher Wandel, wenn man zurückdenkt, an das Slampublikum von früher. Man kann wohl sagen, Hazel Brugger ist massentauglich geworden. Wer den Thurgauerhof in Weinfelden mit 600 Giselas, Hanspeters und Monikas füllt, die 60 Franken für ein Ticket bezahlen, der ist im Mainstream angekommen.

Herzlich willkommen im Mainstream!

Und das ist absolut gut so. Denn wenn wir von etwas dringend mehr brauchen, dann sind es junge Frauen im Mainstream. René Rindlisbachers, Marco Rimas und sowas haben wir genug. Wir brauchen junge Frauen, die sich auf eine Bühne stellen und schlaues und witziges Zeug sagen, zu Themen, die eigentlich uncool sind. Wie zum Beispiel Politik oder eben den Untersuch beim Gynäkologen.

Frauen, die mit ihrer eigenen Ansicht auf solche Themen Säle in der Provinz zum Lachen bringen. Die einen wichtigen Beitrag leisten zu mehr Diversität im Showbusiness. Und all das macht Hazel Brugger und das ist ja schonmal ziemlich viel. Deshalb ist es auch in Ordnung, wenn sie keine Interviews gibt.

 Bild: © Peter Hauser