Die lange Reise der Schweizer Schweinedärme

Das Brät für die Bratwürste wird abgefüllt- Keystone.

Drei Viertel der Därme für Schweizer Würste stammen aus China. Doch auch in Schweizer Därmen steckt China drin: Sie werden für die Verarbeitung ins Reich der Mitte transportiert – und zurück in die Schweiz geschifft.

 

Dieser Beitrag erschien auf Nau.ch.

 

Schweizer Fleisch liegt im Trend. Nicht nur bei Filet und Steak, auch bei Würsten. Was aber viele Konsumenten nicht wissen: Wo Schweiz draufsteht, ist noch lange nicht nur Schweiz drin. Das Problem: Die teuren Schweinedärme. Diese stammen zwar teilweise aus der Schweiz und werden hier gereinigt, gesalzen und entschleimt. Für die weitere Verarbeitung werden die Därme dann per Schiffscontainer nach China verfrachtet.

Zuständig dafür ist die Firma Centee. Das Aargauer Unternehmen ist Schweizer Marktleader in Sachen Naturdarmverarbeitung. Sprecher Georg Herriger sagt, hiesige Preise seien schlicht nicht konkurrenzfähig: «Würden die Därme in Europa verarbeitet, wären die Kosten wesentlich höher.»

Genaue Angaben seien nicht möglich, vermutlich würden sich die Kosten aber «um etwa Faktor vier verteuern», so Herriger. Doch was tun die Chinesen genau mit «unseren» Därmen? Sie kalibrieren und konfektionieren. Das heisst: Die Därme werden ausgemessen, zugeschnitten und zu sogenannten «Hangs» zusammengestellt. Das ist nötig, damit alle Würste gleich gross werden. Denn der Darm als Naturprodukt ist nicht an allen Stellen gleich dick. Für den Hang werden Darmstücke so aneinandergereiht, dass der Durchmesser überall gleich gross ist.

Schweizer Verarbeitung wäre 16 Rappen teurer

Nau hat – basierend auf branchenüblichen Annahmewerten – grob nachgerechnet. Ein Hang misst 91 Meter und wird zu rund 20 Franken gehandelt. Die Olma-Bratwurst misst 20 Zentimeter, der Darm kostet also rund 4 Rappen pro Wurst.  Bei viermal höheren Verarbeitungskosten in der Schweiz würde die Wurst also rund 16 Rappen teurer werden. Heisst, die Olma-Bratwurst würde beim Grossverteiler 3.16 Franken kosten statt wie bis anhin 3 Franken.

Und dafür lohnt es sich die Därme nach China und wieder zurück zu transportieren? Ja, sagt Markus Prandini. Er leitet das Asien-Kompetenzzentrum an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. «Rein finanziell lässt sich das rechtfertigen. Die Transportkosten sind beinahe zu vernachlässigen und die Personalkosten in China sind tief», erklärt er.

Nur: Die kostenmässige Begründung sei sehr einseitig. Prandini bezieht sich auf die unternehmerische Verantwortung. Gerade Grossverteilern wie Migros und Coop ist diese wichtig, beide setzen auf Nachhaltigkeit. Dazu kommt, dass der sich der Konsument vermutlich nicht bewusst ist, dass der Darm seiner Wurst aus China stammt oder zumindest dort verarbeitet wurde. Die Wurst im Laden wird als Schweizer Produkt deklariert oder trägt sogar ein regionales Label.

Darauf angesprochen bestätigen Migros und Coop die Informationen. Der Kunde werde aber keineswegs an der Nase herumgeführt. Coop teilt mit: «Wir orientieren uns an den gesetzlichen Richtlinien.» Migros schreibt: «Der Naturdarm ist ein Produkt, das nicht in der Schweiz hergestellt werden kann. Entsprechend darf er auch bei regionalen Produkten aus dem Ausland bezogen werden.»

Die Kriterien werden auch mit den Därmen aus China erfüllt

Bleiben wir beim Beispiel Olma-Bratwurst. Sie trägt das Label IGP, muss also in der Region erzeugt, verarbeitet und veredelt werden. Diese Kriterien werden auch mit den Därmen aus China erfüllt. Deshalb sieht man beim Label kein Problem. Urs Bolliger, Leiter der Sortenorganisation St.Galler Bratwurst, sagt: «An der Nase herumgeführt wird niemand. Das Pflichtenheft ist öffentlich einsehbar. Es wird genau beschrieben was aus der Schweiz kommen muss und was nicht.»